scent rubbing – 2021

diverse Medien, Installation, Moos, Farn, Pilze, Wurzeln, Duftlack, Gerüst

Das Moos wächst nicht schneller, wenn man daran zieht. Gedanken zu Kornelia Hoffmanns „scent rubbing“ von Mirjam Verhey-Focke

 

 

Haben Sie einmal beobachtet, wie sich Ihr Hund in Schafs-Exkrementen oder einer toten Ratte wälzt? Oder (weniger stinkig) haben Sie schon mal selbst ein Rosenblatt zwischen Ihren Fingern gerieben, damit sich der Duft verstärkt? Zwei Momentaufnahmen, dieselbe Erfahrung: „scent rubbing“. Der englische Ausdruck beschreibt nichts anderes als das Reiben an etwas „gut“ Riechendem zur Geruchsannahme am eigenen Körper - besonders häufig vorkommend im Verhalten von Säugetieren. Die temporäre Installation „scent rubbing“ von Kornelia Hoffmann im Portikus des Gerhard-Marcks-Hauses lädt genau zu dieser Handlung ein: Berühren Sie die Metallstangen und Wurzeln. Dann tief einatmen!

 

Der Portikus fungiert als ein architektonischer Puffer zwischen Museum und Außenwelt: Wenn sich seine Schiebetür hinter dem*r Besucher*in schließt, werden Straßenlärm und Abgasgerüche weitgehend ausgeschlossen; zugleich kann man in ihm trotzdem das Straßengeschehen verfolgen sowie die ersten Skulpturen in der Ausstellung betrachten. Durch ihre Verglasung erinnert die Vorhalle optisch an eine Vitrine, aber auch an ein Gewächshaus. Ideale Voraussetzungen also für ein Kunstwerk, das sich mit dem Geruch von Pflanzen auseinandersetzt und raumbezogen ist. Während des Entstehungsprozesses von „scent rubbing“ liefen zwei Forschungsstränge parallel. Zum einen die Einbeziehung des Ortes (Säulen, klassizistische Fassade, Verglasung, empfindlicher Steinboden und Denkmalschutz) in den künstlerischen Prozess und zum anderen ein komplexes Nachdenken über Pflanzen und Gerüche. Der erste Strang verlangte das Ausprobieren verschiedener Gerüstmöglichkeiten, die gleichzeitig dem*r Besucher*in ermöglicht mit dem Kunstwerk zu interagieren, die Portikus-Architektur aufnehmen, Geruchsträger sein und den organischen Bestandteil der Arbeit stützen sollte. Mit dem zweiten Forschungsteil knüpfte Hoffmann an eine ihrer Werkgruppen an, mit der sie seit 2018 dem „Begreifen der Welt“ nachspürt und dabei u. a. Zusammenhänge, Entwicklungsstadien und Sinnesempfindungen untersucht. Ein wichtiger Aspekt ist dabei LUCA („last universal common ancestor of all cells“[1]) als wissenschaftliche Urform des Lebens. LUCA ist nicht nur namensgebend für die ganze Werkgruppe, sondern auch für ein pflanzliches Einzelwerk: ein Farn, der in der japanischen Kokedama-Technik, in eine Kugel aus Moos gepflanzt wurde. Ähnlich dem LUCA-Farn besteht der Hauptteil von „scent rubbing“ aus einem Moos-Wurzel-Geflecht, in das verschiedene Pflanzen wie Farn, aber auch Flechten und Pilze geschichtet sind.[2] Die Verwendung von Moosen und Wurzeln als Hauptbestandteil der Installation ist kein Zufall. Moos als eine der ältesten Pflanzen und natürlicher Wasserspeicher ist für Hoffmann ein spannendes Material. Dazu kommt die Symbolik der Baumwurzel, deren komplexe Verzweigungen an Nervenbahnen, Synapsen und Internetstrukturen als Impuls- und Versorgungsstrang erinnern.

Beim Betreten des Portikus entsteht eine Untersicht auf die Installation, man schaut durch die Wurzeln in das Moos und kann die Bepflanzung auf ihm nur erahnen.[3] In der Symbiose mit dem Portikus entsteht ein eigener kleiner Kosmos, der zwar räumlich abgeschlossen ist, sich jedoch durch seinen Duft sowohl in die anderen Ausstellungsräume als auch auf die Straße ausdehnen kann. Dafür ist das Anfassen der Wurzeln und des Gerüsts ein wichtiger Teil des künstlerischen Konzepts, denn durch die Berührung werden besondere Duftmoleküle freigesetzt: Sowohl die Wurzeln als auch das Gerüst sind mit einem Duftlack bestrichen, der sich mit dem natürlichen Geruch der Materialien verbindet und ein neues Aroma entwickelt.

Wonach es riechen wird, ist ausschließlich im Museum zu erfahren, denn zum Redaktionsschluss dieses Katalogs ist die Entscheidung für einen Lack noch nicht getroffen. Künstlerisches Arbeiten braucht eben seine Zeit zum Wachsen und geht nicht schneller, wenn man daran zieht.

 

[1] Der Einzeller gilt heute als die gemeinsame Urform des Lebens, also als Startschuss für die Entstehung aller Flora, Fauna und Menschen. Zur weiteren Lektüre: https://www.molevol.hhu.de/fileadmin/redaktion/Fakultaeten/Mathematisch-Naturwissenschaftliche_Fakultaet/Biologie/Institute/Molekulare_Evolution/Dokumente/Weiss_et_al_Nat_Microbiol_2016.pdf (Letzter Zugriff 7. April 2021)

[2] Alle organischen Bestandteile von „scent rubbing“ wurden von Kornelia Hoffmann im Wald oder dem Bremer Bürgerpark gesammelt.

[3] Erst durch einen Blick aus den Fenstern im Obergeschoss des Museums ist eine Aufsicht möglich.