abseits — 2016

Digitaldruck auf transparenter Folie, Zeitungspapier gerollt

20 gleichseitige Dreiecke, 4m x 5m, Form variabel

Installationsansicht: Große Kunstschau Worpswede 2016

Paula Modersohn-Becker Kunstpreis

Ausgehend von Fullers revolutionärer geodätischer Kuppel und der Suche nach einem Ordnungssystem, das zumindest erklärt, wie die Dinge physisch zusammenhängen, entstand als temporäre Rauminstallation in der Großen Kunstschau Worpswede „abseits“ von Kornelia Hoffmann. Für den Glasgang zwischen dem historischen Museumsbereich mit der Dauerausstellung und dem neueren Sonderausstellungsbereich entwickelte sie ortsspezifisch eine freie Form, die sich rhizomeartig in alle Raumrichtungen erstreckte.

Für ihre Wabenstruktur nutzte Kornelia Hoffmann Zeitungen, aber auch transparente und mit Bildern bedruckte Folien. Alte Ausgaben der „Die Zeit“ aus den Jahren von 2007 bis 2010, die die Künstlerin während ihres Studiums gesammelt hatte, wurden so zusammengerollt das Stangen entstanden, die zu gleichseitigen Dreiecken verbunden wurden. Diese Dreiecksformen wurden wiederum mit bedruckten, aber dennoch transparenten Folien beklebt und dadurch Waben erzeugt. Die halt- und formgebende „Die Zeit“-Zeitung war dabei metaphorisch als Wissensspeichers und Zeitzeuge zu verstehen, die die Erinnerung an längst vergangene Tagen in die Installation einbrachte. Ebenfalls aus gefundenem Material entwickelte die Künstlerin die bedruckten, aber dennoch transparenten Folien.
 

Bei „abseits“ ermöglichte der transparente Bildträger den direkten Bezug zur Umgebung. Auf den bedruckten Folien ließen sich baumartige Formen erahnen, die der Betrachter hinter und durch die Arbeit hindurch auch außerhalb des Museums sehen konnte. Die graphitfarben bedruckten Folien von „abseits“ ähnelten Röntgenbildern oder wissenschaftlichen mikroskopischen Aufnahmen und betonten dadurch den Eindruck des Durchleuchtens und Untersuchens des Installationsortes. Andere Betrachter mochten sich an Fotogramme oder Negative erinnert fühlen und damit die Folienbilder als Dias interpretieren, die Ausschnitte aus einer Realität festhielten und verwahrten.

Kornelia Hoffmanns Installation aus 20 Dreiecken stützte sich auf dem Boden ab, lehnte an den Fenstern, umklammerte die im Raum befindlichen Säulen und eckte an der Steinwand an. Wie zufällig sich festhaltend wirkte die geometrische Form wie ein Wesen aus einer anderen Galaxie. Und behauptete sich doch so an dem Ort, dass nicht in Frage gestellt wurde, ob es nur zufällig hier gelandet war. Die Arbeit reagierte nicht nur auf die vorhandene Museumsarchitektur, sondern durch ihre Transparenz und die Folienbilder auch auf die Umgebung.

 

Die leicht und fragil anmutende Installation könnte als willkürlich gruppierte Ansammlung von Dreiecken gesehen werden. Doch die Verbindung der Formen fußt auf einem wohl überlegten Ordnungssystem. Kornelia Hoffmann orientierte sich wiederum an Buckminster Fuller, der seit 1927 mit einem leicht abgewandelten Ikosaeder an einer Möglichkeit arbeitete, die ganze Erdkugel auf einer zweidimensionalen Karte möglichst verlustfrei und mit nur geringen Verzerrungen darzustellen. Auf ein Polyeder wird seine Dymaxion-Weltkarte dabei so projiziert, das ihre Oberfläche wie ein Netz aufgefaltet werden kann. „abseits“ lehnte sich an diese Idee an und konnte nach Ende der Ausstellung zu einer kugelartigen Form geformt werden.

 

Mit „abseits“ entwickelte Kornelia Hoffmann eine eigene Sicht auf die Welt, stellte grundlegende Zusammenhänge her und ermöglichte eine neue Perspektive auf den Raum. Ausgehend von ihren Fotografien reagierte sie geschickt auf den Installationsort und seine Atmosphäre, nutzte Licht und Schatten, band alltägliche Materialien ein und gab mit „abseits“ dem irgendwie eine von vielen möglichen Formen. 

 

Katharina Groth