Schwindel der Freiheit #02 – 2011
Fotografie, Klebeband, 7-teilige Serie, gerahmt , 30 x 30 cm

 

 

Schwindel der Freiheit nennt Kornelia Hoffmann ihre Collage-Serie, und tatsächlich gerät man leicht ins Schwanken angesichts der Schluchten, die sie in ihren Bildern entstehen lässt. Hochhausfassaden, Sichtbeton und modernistische Strenge verorten das Sujet im urbanen Stadtraum. Alle Aufnahmen der Serie sind in Frankfurt am Main entstanden, doch ist es gerade jene Abstraktion der isolierten Architekturen, die eine Verortung ausschließt. Hoffmanns fotografische Vorlagen dienen somit auch nicht der Einordnung oder Dokumentation. Durch das Herauslösen und die Montage von Fragmenten eröffnet sie auf der planen Bildfläche vielmehr einen neuen, fiktiven Lebensraum.

Die einzelnen Bildteile stoßen in starken Schwarz-Weiß-Kontrasten aufeinander und hinein in den von ihnen erzeugten Raum. Schrägen, scharfe Schnitte und geometrische Strenge dominieren das Arrangement. Amorphes findet nur in Form von Vegetation Eingang in diese kubistische Welt. So entstehen schwindelnde, oft prekär anmutende Kompositionen. Hoffmann betont die medialen Parameter der Collage zusätzlich, indem sie das adhäsive Element durch Klebestreifen sichtbar macht. Sie bekommen eine doppelte Funktion: einerseits als mediale Notwendigkeit, die die Namensgebung des Genres (von franz. „coller“, kleben) unterstreicht, gleichzeitig jedoch auch als sinnstiftendes Bildelement, das scheinbar nicht nur den Foto-Fragmenten sondern auch dem über die Abbildung hinausweisenden Raum Stabilität zu bietet vermag.

„Wer in eine gähnende Tiefe hinunterschauen muss, dem wird schwindelig. Doch was ist die Ursache dafür? Es ist in gleicher Weise sein Auge wie der Abgrund – denn was wäre, wenn er nicht hinunter gestarrt hätte?“, heißt es bei Sören Kierkegaard. In diesem Teil seiner Reflexion über „Den Begriff der Angst“ kommt dem Sehen eine zentrale Rolle zu.


Der aktive Blick in den Abgrund, wie Kierkegaard es beschreibt, lässt diesen erst Teil unserer Lebenswirklichkeit werden. Der Schwindel der Freiheit ist somit darin begründet, den Blick zu wagen und den Abgründen ins Auge zu sehen. Es ist die Freiheit der Entscheidung, sich innerhalb seiner Lebenswirklichkeit zu verhalten – eine Freiheit, die schwindeln lässt.

 

Text: Yvonne Bialek